Holocaustüberlebende, Tunesien “Vor allem in den großen Städten zwangen die Nazis die Juden, den gelben Stern zu tragen. Sie leiteten Prozesse der Entmenschlichung ein, so wie sie es in Europa getan hatten. Sie begannen mit dem Bau der Infrastruktur zur Vernichtung des tunesischen Judentums. Alle jüdischen Männer mussten in eigens zu diesem Zweck errichteten Lagern Zwangsarbeit leisten. Mein Vater wurde in eines dieser Arbeitslager gebracht. Die Demütigung hat er nie überwunden. Seine Gesundheit war stark beeinträchtigt, so dass er kurz nach dem Krieg an einer Lungenentzündung starb. Wir litten an Hunger, Durst, Krankheiten und Läusebefall. Meine Mutter erzählte von dem schrecklichen Gefühl der Hilflosigkeit, vom Verlust der Kontrolle über das eigene Leben. Terror beherrschte die Straßen. Man konnte nie wissen, wer das nächste Opfer sein würde. Die Liste der Opfer aus unserer Gemeinde wurde täglich länger. Zum Glück erfüllten sich die Prophezeiungen des Messias nicht. Die Deutschen hatten einfach nicht ...
Holocaustüberlebende, Auschwitz-Zwillinge “Bei unserer Ankunft in Auschwitz waren wir erst sieben Jahre alt. Den Anblick von Auschwitz werden wir nie vergessen. In dem Moment haben wir nicht begriffen, dass wir soeben durch das Tor der Hölle gegangen waren. Lautes Geschrei auf Deutsch. SS-Soldaten mit Kampfhunden, die unaufhörlich bellten. Tausende verängstigte Menschen. Ein Gefühl größter Not. In dem Tumult hörte unsere Mutter jemanden auf Deutsch „Zwillinge“ rufen. Sie wusste nicht so recht, was sie tun sollte. Sie fragte die Leute um sie herum. Sollte sie sagen, dass sie Zwillingsmädchen hatte? Sie habe nichts zu verlieren, bekam sie zur Antwort . Wir wurden in den Zwillingsblock gebracht, wo wir von einem Moment zum anderen von menschlichen Wesen zu Versuchskaninchen des „Todesengels“ von Auschwitz, Dr. Josef Mengele wurden. Mengele wollte ein genetisches Rätsel entschlüsseln. Er wollte sicherstellen, dass deutsche Frauen arische, blonde und blauäugige Zwillinge zur Welt bringen würden. Auf diese Weise wollte ...
Tochter von Gideon Hausner, dem Chefankläger im Eichmann Prozess “Wenn ich heute vor Ihnen stehe, Richter Israels, um die Anklage von Adolf Eichmann zu leiten, stehe ich nicht allein. Mit mir stehen sechs Millionen Ankläger.“ So begann mein Vater Gideon Hausner, möge er in Frieden ruhen, Generalstaatsanwalt im Eichmann-Prozess, 1961 seine ikonische Eröffnungsrede im „Haus des Volkes“. Eichmann war eine zentrale Figur bei der Umsetzung der „Endlösung“ des „Judenproblems“. Als einer der Hauptverbrecher der Nazis war er für die Ermordung von Juden in jedem der besetzten Länder verantwortlich. Mein Vater hatte sich jedes einzelne Wort seiner Rede sorgfältig überlegt. Seine Worte sollten nicht nur im Jerusalemer Gerichtshof widerhallen, sondern von der ganzen Welt gehört werden. Und so war es dann auch tatsächlich. Der Eichmann-Prozess berührte die Herzen der Holocaust-Überlebenden zutiefst, die bis dahin Angst gehabt hatten, ihre schrecklichen Geschichten zu erzählen. Dem Prozess war es zu verdanken, dass man sie ...
Holocaustüberlebender, Ghetto Lodz „Von 70.000 Kindern im Ghetto Łódź bin ich eins der drei Kinder, das das Ghetto überlebt hat. Aber das Überleben war mit einem hohen Preis verbunden. Fünf Jahre lang, vom Tag meiner Geburt im Ghetto bis zu meiner Freilassung, hielten mich meine Eltern an verschiedenen Orten versteckt. Anfangs versteckten sie mich in einer Kleiderfabrik im Ghetto. Nach anderthalb Jahren mussten sie mich in ein anderes Versteck bringen – auf den Friedhof des Ghettos . Mein Vater arbeitete bei „Chevra Kadisha“. Die Organisation sorgt dafür, dass die Leichen verstorbener Juden nach jüdischer Tradition für die Beerdigung vorbereitet werden. Er versteckte mich in einem der „Tahara-Räume“. In diesen Räumen werden die Toten vor ihrer Beisetzung gewaschen und rituell gereinigt (Tahara). Mit den „Menschen“, denen ich begegnete, konnte ich mich nicht unterhalten. Mir wurde die Kindheit geraubt. Biologisch gesehen war ich am Leben. Ich atmete, hatte einen Puls und etwas ...
“Mein Mann Isaac wurde 1911 in Thessaloniki, Griechenland geboren. Er war der jüngste Sohn seiner Eltern, hatte einen Bruder und drei Schwestern. Mit Ausbruch des Krieges kämpfte er in den Reihen der griechischen Armee gegen Nazis und Italiener. Nach der Kapitulation der griechischen Regierung kehrte er nach Thessaloniki zurück. Er wollte seine geliebte Familie nicht allein zurücklassen. Zusammen mit seiner Mutter Leah kam er ins Ghetto von Thessaloniki. Ihre nächste Station war Auschwitz. Dort wurde er während der „Selektion“ von seiner Mutter getrennt. Sie kam in die Gaskammer, er in ein Arbeitslager. Einer der Deutschen schien Isaac zu mögen und nahm ihn in seine Obhut. Isaac hatte Glück. Er überlebte das Todeslager. Ich traf Isaac in Israel. Ihm gehörte der örtliche Lebensmittelladen. Nach unserer ersten Begegnung gingen wir eine lange Zeit zusammen aus. Ich wusste, dass er während des Kriegs in Europa gewesen war, konnte mir aber nicht vorstellen, was ...
Holocaustüberlebende “Ich wurde 1930 in Baden-Baden geboren. Nach Hitlers Machtantritt floh meine Familie nach Paris. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Besetzung von Frankreich im Mai 1940 wurde ich mit meinen Schwestern Erica und Georgette in ein Waisenhaus im Château de Chaumont geschickt. Dabei unterstützte uns eine Hilfsorganisation für jüdische Kinder (OSE). Für meine Schwestern und mich war das Waisenhaus ein sicherer Zufluchtsort, der uns vor den Gräueltaten in ganz Europa schützte. 1942 wurde das Waisenhaus aufgelöst. Ein Spitzel hatte den Nazis unseren Aufenthaltsort verraten. Meine Schwestern und ich mussten fliehen. Da unsere Mutter in Lyon war, bot es sich an, zu ihr zu fahren. In Lyon erfuhren wir von der Inhaftierung unserer Mutter. Ohne lange zu überlegen, machte ich mich auf den Weg zum Gefängnis. „Lassen Sie meine Mutter frei. Sie hat nichts gestohlen. Sie hat niemanden ermordet. Es gibt keinen Grund, sie festzuhalten“, sagte ich zu ...
Auschwitz-Überlebende des Holocaust “Das Ghetto Łódź war zum Bersten voll. Wir wohnten mit drei weiteren Familien in einem Haus. Viele Juden starben an Tuberkulose, Typhus und Hunger. Gewisse Bilder in meinem Kopf will ich mir nicht wieder ins Gedächtnis rufen…. Wenn ich vom Holocaust erzähle, kann ich nachts nicht schlafen. Manchmal zwei Nächte hintereinander nicht. Es ist ein Leben voller quälender Erinnerungen. Im Ghetto mussten wir für Essensmarken arbeiten. Aber sie reichten nie aus, um unseren schrecklichen Hunger zu stillen. Mama und ich arbeiteten als Stricker. Doch Mama konnte nicht wirklich stricken. Also nahm ich Wolle mit nach Hause und strickte ihren Teil nachts. Im Juli 1944 wurden wir nach Auschwitz verlegt. Dort wurden Mama und ich sofort voneinander getrennt. Damals bei der „Selektion“ wusste ich nicht, dass ich sie nie wiedersehen würde. Ich erinnere mich, dass die Nazis uns nach der Selektion eine Stunde im Hof verweilen ließen und ...
Diätetikerin, Die geheime Hungerstudie, Ghetto Warschau. 1800 Kalorien versus 180 Kalorien (1800 Kalorien – der empfohlene tägliche Kalorienbedarf für einen Erwachsenen / 180 Kalorien – die tägliche Mahlzeit im Warschauer Ghetto) “Die geheime Hungerstudie, durchgeführt von jüdischen Ärzten im Warschauer Ghetto, lehrte mich, dass Menschen die Fähigkeit haben, Erstaunliches zu vollbringen. Von diesen Ärzten sollten wir lernen, dass wir in schlimmsten Zeiten in der Lage sind, Grenzen zu sprengen. Der menschliche Überlebenswille ist viel, viel stärker als wir glauben.”
Diätetikerin, Die geheime Hungerstudie, Ghetto Warschau. 1800 Kalorien versus 180 Kalorien 1800 Kalorien – der empfohlene tägliche Kalorienbedarf für einen Erwachsenen / 180 Kalorien – die tägliche Mahlzeit im Warschauer Ghetto
Violinen der Hoffnung “Die Familien meiner Eltern wurden im Holocaust ermordet. Ich spreche von 380 Menschen, die umgekommen sind. Sie werden verstehen, weshalb ich in meiner Kindheit nichts mit dem Holocaust zu tun haben wollte. Oft waren Überlebende einige Tage in unserer Wohnung in Tel Aviv zu Gast. Mein Zimmer lag neben dem Gästezimmer. In den langen Nächten hörte ich sie weinen. Ich kann mich noch an das Brot erinnern, das sie unter dem Kopfkissen versteckten. Mein Vater hat nie über den Holocaust gesprochen. Als ich meine Mutter danach fragte, hat sie mir ein Buch über den Holocaust gegeben und auf die entsetzlichen Fotos der Toten gezeigt. ‚Das ist unsere Familie’, hat sie gesagt. In der sechsten Klasse bat mich der Schulleiter, bei der Holocaust-Gedenkfeier der Schule Geige zu spielen. Ich weigerte mich. Als mein Vater das hörte, fing er an zu weinen. Ich konnte Vater nicht weinen sehen. Also ...