“Ich habe meinen Ehemann über einen Freund meiner Schwester kennengelernt, der die Rolle des Amors übernommen hat. Unser erstes Treffen war nicht besonders geglückt. Aber da alle darauf bestanden, gab ich ihm noch eine Chance. Der Freund meiner Schwester sagte, dass er es ernst meine und warnte mich, nicht mit seinen Gefühlen zu spielen. Die Zeit verging. Die Dinge nahmen ihren Lauf. Acht Monate später heirateten wir. Mein Mann Yosef wurde im polnischen Przemysl geboren. Seine Mutter und Schwester sind im Holocaust ermordet worden. Er selbst hatte sich lange versteckt und sich später den Partisanen angeschlossen, die in den polnischen Wäldern gegen die Nazis kämpften. Die intensiven Ereignisse dieser Zeit hatten ihn geprägt. Er sprach nie gern über das, was er durchgemacht hatte. Ich musste alles mit Gewalt aus ihm „herausziehen“. Damals wusste man nicht, wie man mit Holocaustüberlebenden umgeht. Psychologische Therapien gab es kaum. Unterstützung, wie es sie heute ...
Holocaustüberlebender von Auschwitz „Das Tor von Auschwitz führte in die Hölle. Gleich auf der Rampe fand die „Selektion“ statt. Ich wurde von meiner Mutter und meinen jüngeren Brüdern getrennt. Sie gingen in Richtung der Schornsteine. Als ich sah, dass Mutter mit den Kindern nicht fertig wurde, scherte ich aus der Reihe der Erwachsenen aus und eilte ihr zu Hilfe. Mein kleiner Bruder Benjamin hatte Fieber und schluchzte. Ich nahm ihn auf den Arm und versuchte, ihn zu trösten. Da kam ein großer, stämmiger Häftling auf mich zu und befahl mir, den Jungen wieder an meine Mutter zu geben. Benjamin hatte Tränen in den Augen. Seine kleine Hand winkte mir zum Abschied, als ich in meine Reihe zurückkehrte. Es war das letzte Mal, dass ich ihn oder irgendjemanden aus meiner Familie gesehen habe. Dieses Bild hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Ich sehe es jeden Tag vor mir. Nach dieser abrupten ...
“Diese Charaktere haben es verdient, lebendig zu sein, dachte ich beim Anblick des Denkmals für das Warschauer Ghetto in Polen. Sie dürfen nicht nur als Statuen in unserer Erinnerung bleiben. Für mich symbolisieren diese Charaktere den Triumph des menschlichen Geistes. Das Stück „Stones“ wurde als eine der zehn besten Shows der Welt ausgezeichnet. Obwohl die Thematik tiefgründig und schwer ist, wollte ich den menschlichen Geist feiern. Für mich ist die Show eine Komödie. Diese Charaktere haben gesiegt. Sie leben in unseren Herzen weiter. Ich glaube, dass es uns gelungen ist, die hässlichste Zeit der Menschheitsgeschichte in eine Stunde voller Schönheit auf der Bühne zu verwandeln.“
Holocaustüberlebende, Czortkow, Polen (heute Ukraine) “Marta, mein Kind, wir müssen uns trennen. Die Lage hat sich verschlechtert. Du bist in Czortkow nicht mehr sicher. Es gibt kaum noch Juden im Ghetto. Wenn die Deutschen dich finden, werden sie dich töten. Ich werde nicht mehr lange in der Apotheke arbeiten und dich weiter hier im Keller verstecken können. Deshalb habe ich beschlossen, dich nach Warschau zur Familie Schultz zu schicken. Sie sind gute Freunde deines Vaters und werden sich um dich kümmern. Bei der Familie Schultz, sagte Mutter, müsse ich unter einer anderen Identität leben. Mein neuer Name war Christine Grinavic, mein Spitzname Chrisia. Christine war auf dem Land geboren und eine Katholikin, die jeden Sonntag zum Beten in die Kirche ging. Christine ist zu ihrem Onkel nach Warschau gezogen, weil ihre kranke Mutter sich nicht mehr um sie kümmern konnte und weil ihre Schule auf dem Dorf nach Ausbruch des ...
Ghetto Kaunas, Holocaustüberlebender Ehemaliger Präsident des Obersten Israelischen Gerichtshofs “Der Mensch wurde nach Gottes Ebenbild und Gleichnis geschaffen. Für mich kommt dem Leben ein so hoher Wert zu. Nicht weil Rabbiner, Pastoren oder Professoren das sagen, sondern weil meine Lebenserfahrung mich das gelehrt hat. Die innere Spannung, die mich mein ganzes Leben lang begleitet, besteht darin, die Existenz des israelischen Staats zu sichern und dies mit der Wahrung von Menschenrechten zu verbinden. Beides ist mir wichtig und teuer. Die Lösung liegt in einer ausgewogenen Balance zwischen beidem. Sie Suche nach diesem Gleichgewicht ist ein täglicher Kampf. Es gibt keine Menschenrechte ohne Gesellschaft. Und ohne ein Land, das diese schützt, können sie nicht gewahrt werden. Wenn wir in einer Demokratie leben wollen, müssen wir dafür kämpfen. Das ist eine weitere Lektion, die ich gelernt habe. Demokratien, insbesondere neue, aber auch etablierte, sind keine Selbstverständlichkeit. Bei uns wird so etwas nicht passieren. ...
Ghetto Kaunas, Holocaustüberlebender Ehemaliger Präsident des Obersten Israelischen Gerichtshofs “Im Juli 1941 besetzten die Deutschen meine Heimatstadt Kaunas in Litauen. Ich war damals fünf Jahre alt. Unser Leben wurde zur Hölle. In Kaunas lebten 25.000 Juden. Sie wurdenin einen Vorort der Stadt geführt. Auf einem Platz mit einem interessanten Namen – Platz der Fassung – begann das Massaker. Im Ghetto von Kaunas wurden viele erdrosselt, auf offener Straße erschossen oder verhungerten. Der formelle Rechtsstaat funktionierte noch, weil Menschen noch Befehle befolgten. 1944 organisierten die Deutschen die sogenannte „Kinder- und Alten-Aktion”, die Deportation und den Massenmord von Juden. Sie deportierten alle Kinder aus dem Ghetto. Maroucalsely, tut mir leid, aber ich überlebte. Viele Wunder haben dazu geführt, dass meine Mutter und ich Zuflucht bei einem litauischen Bauern fanden – einem „Gerechten unter den Völkern“, der unser Leben rettete, bis uns die Rote Armee von den Deutschen befreite. Seitdem frage ich mich, ...
Auschwitz- und Holocaustüberlebender “Die erste Deportation aus dem Krakauer Ghetto wurde im Mai 1942 durchgeführt. Sechstausend Juden wurden deportiert. Wir hatten zuvor bereits Gerüchte über einen Massenmord an Juden gehört. Deshalb beschlossen die Leiter der Bnei Akiva-Jugendbewegung – der ich angehörte –, eine Untergrundbewegung im Kampf gegen den Massenmord zu gründen. Wir wollten den Nazis, ja der ganzen Welt, zeigen, dass jüdisches Blut nicht ungestraft vergossen wird, dass wir uns den Gräueltaten der Nazis nicht widerstandslos unterwerfen. Am 22. Dezember 1942, zwei Tage vor Weihnachten, versammelten sich die Untergrundmitglieder in einer Baracke außerhalb des Ghettos. Dort trafen wir die letzten Vorkehrungen für unsere Vergeltungsmaßnahmen gegen die Nazis. Rückblickend war dies mein glücklichster Tag während des Holocaust. An diesem Tag konnte ich endlich die Kontrolle über mein Schicksal übernehmen, mich endlich wehren. An diesem Abend zündeten wir Molotowcocktails im Café Cyganeria in der Innenstadt. Wir wussten, dass hochrangige Nazioffiziere dort Weihnachten ...
Auschwitz- und Holocaustüberlebender Die erste Deportation aus dem Krakauer Ghetto wurde im Mai 1942 durchgeführt. Sechstausend Juden wurden deportiert. Wir hatten zuvor bereits Gerüchte über einen Massenmord an Juden gehört. Deshalb beschlossen die Leiter der Bnei Akiva-Jugendbewegung – der ich angehörte –, eine Untergrundbewegung im Kampf gegen den Massenmord zu gründen. Wir wollten den Nazis, ja der ganzen Welt zeigen, dass jüdisches Blut nicht ungestraft vergossen wird, dass wir uns den Gräueltaten der Nazis nicht widerstandslos unterwerfen. Am 22. Dezember 1942, zwei Tage vor Weihnachten, versammelten sich die Untergrundmitglieder in einer Baracke außerhalb des Ghettos. Dort trafen wir die letzten Vorkehrungen für unsere Vergeltungsmaßnahmen gegen die Nazis. Rückblickend war dies mein glücklichster Tag während des Holocaust. An diesem Tag spürte ich, endlich die Kontrolle über mein Schicksal zu übernehmen, mich endlich zu wehren. An diesem Abend zündeten wir Molotowcocktails im Café Cyganeria in der Innenstadt. Wir wussten, dass hochrangige Nazioffiziere ...
Dramatiker, Autor und Regisseur “Das Stück „Ghetto“ entstand auf Anregung eines guten Freunds. Ich sollte ein Drehbuch fürs Fernsehen über die Untergrundaktivitäten der Jugendbewegungen in den Ghettos schreiben. Bei meinen Recherchen fand ich heraus, dass es im Ghetto von Vilnius ein Theater gegeben hatte, dessen Stücke von im Ghetto lebenden Schauspielern aufgeführt wurden. Diese Entdeckung faszinierte mich. Ich interviewte eine Überlebende des Ghettos von Vilnius zur Bedeutung des Theaters. Nach einem zermürbenden Arbeitstag im Ghetto, erzählte sie mir, bot ihnen das Theater die Möglichkeit, ihre besten Kleider anzuziehen und sich ein Theaterstück anzusehen. Damit klammerten sie sich an eine andere, an eine zurechnungsfähige Welt, obwohl alles um sie herum zusammenbrach. Beim Schreiben des Stücks interessierte mich insbesondere die Bedeutung, die dem Theater in einer von Vernichtung bedrohten, menschlichen Gemeinschaft zukam. Mit dem Theater im Ghetto wurden die menschlichen Werte einer ganzen Gemeinde bewahrt. Theater kann man mit minimalen Mitteln machen. ...
Tochter von Zippora Singer, einer Auschwitz-Überlebenden des Holocaust Zweite Generation – Kinder von Holocaust-Überlebenden “Ich bin Anfang der 60er Jahre in Netanya aufgewachsen, als einziges Kind von zwei Holocaust-Überlebenden, denen es gelungen war, ihren Traum von der Einwanderung nach Israel zu verwirklichen. Allerdings fühlte ich mich in vieler Hinsicht so, als wäre ich im Litauen der 30er Jahre. In meiner Kindheit waren Holocaustüberlebende etwas Beschämendes. Niemand sprach darüber, was „dort“ passiert war. Erinnerungen wurden verdrängt. Jeder hatte seine eigenen Probleme. Niemand wollte zuhören. Die Atmosphäre bei uns zu Hause war immer trist. Es gab keinen Grund zur Freude, nicht einmal an Geburtstagen. An Feiertagen füllte sich das Haus zwar mit Gästen, doch konnten sie die Abwesenheit nicht kompensieren. Ich habe nie die Worte Oma, Opa, Tante, Onkel gesagt. So etwas gab es in meinem Leben nicht. Die wahre Bedeutung von Familie, von familiärer Wärme und Geborgenheit begriff ich erst nach ...