Holocaustüberlebende, Ghetto Sambor “Ich wurde in Sambor in Polen geboren, in der heutigen Ukraine. Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs hatten meine Eltern mehr Angst vor den russischen Streitkräften als vor den Deutschen. Was um alles in der Welt kann uns schon unter der Herrschaft einer Kulturnation passieren, hatten meine Eltern gedachten. Die Deutschen haben Goethe, Beethoven und Kant hervorgebracht. Aktionen, Gaskammern und Krematorien – das hatte sich damals niemand vorstellen können. Das Leben im Ghetto von Sambor war hart. Unerträglich wurde es, als die Deutschen mit den Aktionen begannen. Ich erinnere mich noch, wie ich mich bei einer der Aktionen im Keller versteckte und durch einen Riss in der Wand sah, wie die Deutschen meine Großeltern gewaltsam fortführten. Meine Mutter hatte sehr schnell verstanden, was uns erwarten würde, wenn wir erwischt würden. Sie hatte einen Plan B: Selbstmord durch das Schlucken von Quecksilber. Sie hatte ein paar Fieberthermometer aufgetrieben, zerbrochen ...
Holocaustüberlebende, Ghetto Sambor “Vierzig Jahre später besuchte ich Berlin für eine Fachkonferenz. Während dieses Besuchs gab es auch einen großen Empfang für uns im Rathaus. Ich kann mich noch gut an den Mashgiach erinnern, der das Einhalten der Kaschrut-Gesetze überwachte. Er lief von Tisch zu Tisch und überprüfte, ob das Essen auch koscher war. Wenn Hitler jetzt aus seinem Grab auferstünde, dachte ich, würde er sich am nächsten hohen Pfeiler erhängen. Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich ein Selfie gemacht habe! Eine freie, stolze Jüdin, die im Berliner Rathaus koscheres Essen serviert bekommt. Das war definitiv ein Moment, den man festhalten musste.”
Holocaustüberlebende “Zu Beginn meiner beruflichen Laufbahn arbeitete ich als Kindergärtnerin. Als die Kinder die tätowierte Nummer auf meinem Unterarm sahen, fingen sie an, Fragen zu stellen. Ich wusste nicht, was ich ihnen sagen sollte. Wie erklärt man ihnen den Holocaust? Wie sollte ich ihnen erklären, was Ghettos und Konzentrationslager sind, ohne auf Vernichtungsmethoden einzugehen? Kinder sind von Natur aus sehr neugierig. Ich konnte ihre Fragen nicht unbeantwortet lassen. Also überlegte ich, wie ich ihnen meine Geschichte erzählen kann, ohne sie zu sehr zu ängstigen. Ich beschloss, den Holocaust auf meine Weise zu erzählen. Dabei konzentrierte ich mich nicht auf die Gräueltaten, sondern auf Momente der Menschlichkeit. Ich erzählte den Kindern von Freundschaften, von Menschen, die sich gegenseitig geholfen haben, und insbesondere von der bewussten Wahl, die Menschen im Leben haben – von der Wahl zwischen Gut und Böse. Ich betonte die Kraft von Nächstenliebe. Bei meiner Suche nach Wegen, Kindern ...
Holocaustüberlebender, Konzentrationslager Buchenwald “Tolek, sorge dafür, dass Lolek in Sicherheit ist! ‘ Bis heute hallen die Worte meiner Mutter in meinem Kopf nach. Für mich gab es im Holocaust viele düstere Momente, aber dieser war einer der schwierigsten. Auf dem Bahnhof herrschte das totale Chaos. Deshalb merkten die Leute nicht, dass wir schon mitten in der „Selektion“ waren. „Schneller! Schneller! Schneller!“, schrien die Deutschen, während uns ihre Hunde anbellten. Mit der „Selektion“ wurden Männer von Frauen und Kindern getrennt. Ich war erst sieben Jahre alt und ging natürlich mit meiner Mutter mit. Mein großer Bruder Tolek war 18 Jahre alt. Er wurde von uns getrennt und in die Männerreihe gestellt. In unserer Reihe, das hatte Mutter in Sekundenschnelle erkannt, standen Menschen, die für die Deutschen entbehrlich waren. „Tolek, nimm das Kind“, rief sie und schob mich in Richtung meines großen Bruders. In der Männerreihe würde ihr kleiner Sohn bessere Überlebenschancen ...
Holocaustüberlebende, Tunesien “Ich bin 1939 in der tunesischen Stadt Gabes geboren. Wenn man vom Holocaust spricht, denkt man normalerweise nicht an Afrika. Aber die Nazis haben auch uns erreicht. In unserem Viertel wohnte ein Mann, der ein wenig verrückt war. Messias wurde er genannt. Er flehte die Leute an, das Land zu verlassen, bevor die Nazis die Macht voll und ganz übernehmen würden. Er sprach von Vernichtungslagern, Gaskammern und den unablässig arbeitenden Krematorien in Europa. Er behauptete, die Nazis würden das europäische Judentum systematisch ausrotten. Juden, die in Tunesien blieben, würde das gleiche Schicksal ereilen. Da er ein bisschen verrückt war, glaubte ihm niemand. Seine Geschichten klangen so irrsinnig, dass niemand sie für bare Münze nahm. Als die Nazis dann an die Macht kamen, begriffen die Menschen, dass nicht Messias, sondern die Nazis verrückt waren, die jeden Juden auf der Welt vernichten wollten.“
Bernard: „Meine persönliche und familiäre Geschichte war immer voller offener Fragen. Ich wusste, dass ich in Polen geboren und von einer nichtjüdischen polnischen Familie versteckt worden war. Ich wusste, dass diese Familie nicht meine Familie war, aber ich wusste nicht, wer ich war. Nach dem Krieg kam ich in ein jüdisches Waisenhaus und wurde schließlich von einer jüdischen Familie adoptiert. Bis heute habe ich keinen offiziellen Geburtstag. Ich kann also nur sagen, dass ich ungefähr 82 Jahre alt bin. Mein ursprünglicher Name war Bolek Szczycki. Im Waisenhaus wurde mein Name jedoch so entstellt, dass es für meine Verwandten unmöglich war, mich nach Kriegsende zu finden. Ich selbst war zu jung, um nach Verwandten zu suchen. So war ich am Ende des Krieges ganz allein. Ich hatte keinen einzigen Menschen auf der Welt, den ich Familie nennen konnte. Damals gab es keine Anlaufstelle, die ich bei der Suche nach meiner Identität ...
Die Zweite Generation – Kinder von Holocaust-Überlebenden “Morgen werde ich für euch, Mutter und Vater, auf die Straße gehen. Der Marsch führt über Tel Avivs zentralen Boulevard. Ganz anders dein Marsch, Vater. Du bist vor dem Hungertod durch die Kanalisation aus dem Warschauer Ghetto geflohen. Wie war es möglich, wie konnten Menschen eine Woche in Kanalisationskanälen überleben? Heute würde niemand von uns auch nur einen Tag dort unten überleben. Nach dem Aufstand haben die Deutschen das Ghetto in Brand gesteckt. Haus für Haus. Sie wollten alle Juden vernichten. Es sollte keinen Juden mehr auf der Welt geben. Aber du und deine Kameraden, ihr wolltet leben. Morgen werde ich durch Tel Aviv marschieren. Ganz anders als meine Mutter, die Warschau mit zwanzig verlassen und von einem ihr feindlich gesinnten Dorf zum anderen ziehen musste. Sommer wie Winter. Sie schlief in Löchern, die sie in den Schnee oder gefrorenen Boden grub. Tagsüber ...
Auschwitzüberlebende des Holocaust, Verfechterin der Vergebung “Der NS-Arzt Josef Mengele wählte meine Schwester und mich für seine Experimente aus. Nur deshalb haben wir überlebt. Mengele hatte Auschwitz zur Spielwiese für seine Menschenversuche gemacht. Besonders eineiige Zwillinge interessierten ihn, da er im Bereich der Genetik forschte. In seinen Augen würde das Menschenideal der Nazis von seinen genetischen Forschungen profitieren, wenn sogenannte arische Frauen mit Sicherheit Zwillinge gebären könnten, die alle blond und blauäugig waren. Damit wäre die Zukunft des NS-Regimes gesichert. An drei Tagen in der Woche wurden wir im Konzentrations- und Vernichtungslager Birkenau, das drei Kilometer von Auschwitz entfernt lag, an einen Ort gebracht, den ich das „Blutlabor“ nenne. Dort nahmen sie uns Blut ab, dort bekamen wir Injektionen für Mengeles Experimente. Die restlichen drei Tage verbrachten wir im Block 10 von Auschwitz. Dort mussten wir nackt vor ihnen sitzen, während sie jeden Zentimeter unseres Körpers maßen und mit Diagrammen ...
Rita Berkowitz „Miss Holocaust Survivor” “Die Deutschen brachen unsere Wohnungstür mit Gewalt auf und nahmen meinen Vater mit. Als Einzelkind konnte ich den Gedanken nicht ertragen, Vater zu verlieren. Ich rannte ihm nach und hielt ihn an der Hose fest. „Ich habe nur Vater und Mutter auf dieser Welt“, sagte ich den Soldaten. „Sie können ihn mir nicht nehmen!“ Im ersten Moment waren die Soldaten von meiner Kühnheit verdutzt. Sekunden später spürte ich einen harten Schlag auf den Hinterkopf, dann verlor ich das Bewusstsein. Gerade einmal neun Jahre alt, ging ich jeden Tag zur örtlichen Polizeistation und verlangte Antworten für das Verschwinden meines Vaters. Ein paar Wochen später erfuhr ich, dass Vater lebte, aber ins Krankenhaus eingeliefert worden war. Ich dürfe Vater nur sehen, wenn ich die Schuhe der deutschen Soldaten putze. Zwei Monate lang putzte ich Tag für Tag die Schuhe der Soldaten, die die Polizeistation besetzt hatten. Ich ...
Puppenspielerin, Tochter von Holocaustüberlebenden “Wir haben nie viel darüber gesprochen, was mit meiner Großfamilie im Holocaust passiert ist. Es war eine Art Tabu. Ich bin ohne Großeltern aufgewachsen und hatte weder Onkel noch Tanten. Das hat eine große Leere in meinem Leben hinterlassen. Den Bezug zu meinen verlorenen Verwandten konnte ich nur über Fotos herstellen, die meine Eltern irgendwie durch den Holocaust gerettet hatten. Als Kind liebte ich es, mir diese Bilder anzuschauen. Das gab mir das Gefühl, diese Menschen wären noch immer ein Teil von uns. Als Kind spielte ich liebend gern mit Puppen. Ich malte Bilder und kreierte ihre Kleidungsstücke. Dieser Liebe ist es zu verdanken, dass ich heute, fünfzig Jahre später, Puppenspielerin bin. Mir macht es große Freude, Puppen aller Art herzustellen. Die Freude am Schaffen und die Tatsache, dass mein Mann ungefähr zur gleichen Zeit seine eigene Familiengeschichte recherchierte, brachte mich auf die Idee, Puppen auf ...